Völkermord an Sinti und Roma ist Teil der europäischen Geschichte

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Sinti und Roma bilden mit circa 10 bis 12 Millionen Menschen die größte ethnische Minderheit in der Europäischen Union. Würden alle Sinti und Roma in einem eigenen Staat zusammenleben, so wäre das Land größer als Belgien, Finnland oder Schweden. Und dennoch finden sie und ihre Probleme oft nur wenig Gehör, sind sie doch täglich mit Antiziganismus in Form von Diskriminierung, Ablehnung und nicht selten Gewalt konfrontiert.

Seit dem 12. Jahrhundert leben Roma auf dem europäischen Kontinent. Trotzdem werden sie nach wie vor von vielen als Fremde angesehen und von der Gesellschaft ausgegrenzt. Über Jahrhunderte sahen sich Roma immer wieder extremer Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Der Völkermord an mindestens 500.000 Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs stellt den negativen Höhepunkt dar. Der Genozid an den Roma, der in der Sprache der Roma als Porajmos (deutsch: das Verschlingen) bezeichnet wird, hatte tiefgreifende Folgen: in einigen Ländern kamen mehr als 80 Prozent der dortigen Roma ums Leben.

Dieses Verbrechen an den Sinti und Roma muss stärker ins Bewusstsein der europäischen Öffentlichkeit gelangen, denn der Völkermord an dieser Bevölkerungsgruppe ist ein Teil unserer gesamteuropäischen Geschichte. Wir Sozialdemokraten im Europäischen Parlament haben uns daher dafür eingesetzt, dass endlich ein zentraler Gedenktag für die Porajmos-Opfer geschaffen wird, wie es ihn bei unseren polnischen Nachbarn bereits gibt. Auf der letzten Plenartagung hat das Parlament eine Resolution verabschiedet, die diesem Anliegen Ausdruck verleiht. Sie fordert, dass ein europäischer Tag dem Gedenken an die Opfer des Völkermords an den Roma im Zweiten Weltkrieg gewidmet werden soll, und diesen Tag zum “europäischen Holocaust-Gedenktag für die Roma” zu erklären.

Diese Parlamentsentscheidung setzt Zeichen, denn die Situation der Sinti und Roma in der EU ist auch heutzutage von schwerwiegenden Diskriminierungen gekennzeichnet. Die Zunahme von Antiziganismus, die vielerorts in der Europäischen Union beobachtet werden kann, darf nicht hingenommen werden. Romafeindlichkeit ist die Grundursache für die massive Ausgrenzung der Roma und ein Hindernis für den notwendigen politischen Willen, um echte Fortschritte bei der Umsetzung der Agenda für die Integration der Roma zu erreichen. Die alltägliche Situation der Roma in Europa ist schwierig und umfasst Probleme beispielsweise in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Armutsbekämpfung und Wohnungsbau. Dreh- und Angelpunkt für Teilhabe und die Chance, die eigene Zukunft zu gestalten, ist die Bildung.

Die Europäische Agentur für Grundrechte (EFA) gibt an, dass nur 15 Prozent der Roma die Sekundarstufe II abschließen. Diese Zahl bezieht sich jedoch nur auf die Kinder, die auch die Schule besuchen. Wir Sozialdemokraten fordern: Roma müssen gezielt gefördert und in das Schulsystem integriert werden. Dazu bedarf es auch der Sensibilisierung von Lehrenden, Bildungseinrichtungen und Ausbildungsbetrieben. Die EU-Mitgliedstaaten müssen gezielte Maßnahmen ergreifen, etwa durch Bildungsprogramme oder Stipendien, um Diskriminierung in der Schule, im Studium oder auf dem Arbeitsmarkt zu beseitigen.

Wir fordern, dass sowohl die Umsetzung solcher Maßnahmen, aber auch die Wahrung der Grundrechte der Roma in den EU-Mitgliedstaaten stärker von der Europäischen Kommission überprüft wird. Die europäische Gesellschaft steht hier in der Verantwortung.